Der Visual Desk im Newsroom der Deutschen Presse-Agentur GmbH 2019

Zu Besuch beim Workshop “Grundlagen der Bildredaktion”

Bis heute ist die Arbeit als Bildredakteur*in vor allem etwas für Quereinsteiger*innen. Denn für den Beruf gibt es weder eine Ausbildung, noch ein Studium. Umso wichtiger sind Workshops, die von unterschiedlichen Institutionen in Deutschland angeboten werden und die Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung bieten. Ein Anbieter ist die Berliner emerge Akademie für visuellen Journalismus. Felix Koltermann besuchte dort im Frühjahr 2020 eine Woche lang den Kurs “Grundlagen der Bildredaktion.

Seminarunterlagen von emerge / Foto: Felix Koltermann

Ein Ladenlokal am Rande des Berliner Bezirks Pankow. Hinter dem großen Schaufenster ein kleiner Seminarraum mit vier großen Resopaltischen, daneben ein Büroraum mit einigen PC-Arbeitsstationen. Hier bietet die emerge Akademie den Workshop “Grundlagen der Bildredaktion” an, zu dem ich mich angemeldet habe, um mehr über das Berufsfeld und die Menschen, die dort arbeiten wollen, zu lernen. Begrüßt werden wir von Kevin Mertens, dem Workshopleiter und Gründer der Akademie. Er ist freiberuflicher Bildredakteur und hat das emerge Magazin für jungen Bildjournalismus aufgebaut. Neben mir sind noch fünf weitere Teilnehmer*innen gekommen. Erstaunlicherweise kommt niemand aus einer journalistischen Institution. Stattdessen sind Bereiche wie Hochschulmarketing, professionelle Fotografie, PR-Agentur und politische Stiftung präsent. Ein erstes Zeichen, wie breit gefächert das Interesse an bildredaktionellem Arbeiten ist.

Zu Beginn legt Kevin Mertens sehr ausführlich dar, was die professionellen Anforderungen an potenzielle Bildredakteur*innen sind und wie die Arbeitsgebiete in der Praxis aussehen. Er unterscheidet allgemeine Anforderungen (großes Interesse an Zeitgeschehen, journalistische und/oder fotografische Ausbildung, …) von technischen Anforderungen (Kenntnisse in der Adobe Creative Suite, Erfahrungen mit CMS oder Redaktionssystemen, Erfahrungen in der Bildrecherche, …). Darüber hinaus gewinnen seiner Ansicht nach Anforderungen aus dem Bereich der Digitalisierung (Kenntnisse im Umgang mit multimedialem Material, Kenntnisse über Storytelling-Formen, Grundkenntnisse in Webdesign und Programmierung, …) zunehmend an Bedeutung. Die konkreten Aufgaben variieren danach, ob jemand im Bereich Print und/oder Online arbeitet. Ganz grundsätzlich geht es um Bildrecherche und Auswahl, Bildnachweise, die Vergabe von Fotoaufträgen sowie Abrechnung und Budgetverantwortung. Je nach Medium kommen speziellere Aufgabenbereiche dazu. Online kann etwa auch die Erstellung von Grafiken und Multimediaelemente dazukommen.

Den Einstieg ins praktische Arbeiten und Ausprobieren gelingt über eine Übung zum Storytelling. Der Auftrag ist, in drei Kleingruppen ca. 50 Bilder einer Fotografin zu einem bestimmten Themenkomplex – den wir jedoch nicht kennen – auf 6 bis 8 Bilder für drei Printdoppelseiten zu reduzieren. Im Fachjargon läuft solch eine Tätigkeit unter den Begriffen Editing oder Sequenzing. Keine so leichte Aufgabe, wie sich herausstellt. Denn beim Versuch, eine Geschichte nur über das zu erzählen, was sich aus den Bildern erschließen lässt, zeigt sich, wie Kontextabhängig Bilder sind. Da verwundert es kaum, dass nachher drei komplett unterschiedliche Serien an der Wand hängen. Deutlich wird die Schwierigkeit ein gutes Edit zu erstellen und Material sinnvoll – im Sinne der Geschichte – zu reduzieren.

Übung zum Storytelling / Foto: Felix Koltermann

Die weiteren vier Tage starten morgens jeweils mit einer Blattkritik. Dabei steht im Vordergrund die Frage, wie einzelne Magazine, Zeitungen und Onlinepublikationen mit der Fotografie umgehen, welche Rolle das Design und das Layout spielen und ob und wie Storytelling- und Multimediaelemente zum Einsatz kommen. Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich die konzeptionellen und gestalterischen Entscheidungen einzelner Medien sind und wie sehr dies das Erscheinungsbild und damit auch die bildredaktionelle Arbeit prägt. Sehr hilfreich ist auch eine Bildanalyseübung, die wir am zweiten Tag mit der Gastdozentin Miriam Zlobinski durchführen. So ist es doch erstaunlich, was man plötzlich alles in einem Bild sieht – oder auch nicht sieht – wenn man sich diesem ausführlich widmet. Die Übung mündet in einer Sammlung von Kriterien für ein gutes Bild. Wenn einiges davon auch stark vom Kontext abhängt, kristallisieren sich doch Faktoren wie der Grad der Informationsvermittlung, technische und gestalterische Qualität sowie das Emotionalisierungspotential heraus.  

Ab dem dritten Tag geht es dann ans Eingemachte. Kevin Mertens führt die Gruppe über eine Vielzahl von Übungen an den Arbeitsalltag von Bildredakteur*innen heran. So machen wir uns etwa mit dem Redaktionssystem Livingdocs und der Bilddatenbank der Deutschen Presse Agentur vertraut. Als Gruppe bekommen wir den Auftrag, eine Ausgabe der Wochenzeitschrift Freitag zu layouten um anschließend zu sehen, wie dies in der Realität vom Freitag umgesetzt wurde. In Livingdocs bebildern wir einen sogenannte Longread – einen ausführlichen Hintergrundtext im Onlineformat – zur Coronakrise in China. Und auch die Diskussion von Projekten aus dem Bereich Digital Storytelling bekommt seinen Raum. Während – für die Simulation – im Freitag das Layout den Platz und die Größe der Bilder festgelegt sind, gibt es Online mehr Gestaltungsmöglichkeiten, wo genau die Bilder und in welchem Rhythmus platziert werden können. An jeder Stelle des Arbeitsprozesses sind komplexe Entscheidungen zu treffen, sei es zu den Schlagworten für die Suche in Datenbanken, dem Bild-Text-Bezug, der Frage nach dem Beschnitt von Bildern oder nach der Ausrichtung der Bebilderung in einem eher nachrichtlichen oder feuilletonistischen Sinn.

Bildrecherche in der dpa-Datenbank / Foto: Felix Koltermann

Im Kurs haben wir das Glück, viel Zeit zum Ausprobieren und vor allem zum Diskutieren zu haben. Als Erkenntnisreich erweist sich jede Form der Analyse, des Vergleichs, des Nebeneinanderlegens und Hängens, weil dadurch Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich werden und man Abstand zum Produkt gewinnt. Plötzlich wird man gewahr, wie wichtig es etwa bei einer Zeitung ist, auch den Flow bzw. Lauf der Bilder über einzelne Seiten hinweg im Blick zu behalten oder wie sehr Formate online eine Rolle spielen. Deutlich wird auch, wie sehr bestimmte Entscheidungen von persönlichen Sichtweisen und Haltungen geprägt sind. Zu vermuten ist, dass im schnell-getakteten Redaktionsalltag für viele dieser Fragen und Diskussionen nur wenig Raum ist. Dafür wird sich sicherlich Routine einstellen beim Recherchieren, Auswählen und Beurteilen. Und klar wird auch: ein einwöchiger Kurs bietet zwar eine hervorragende Grundlage, ist aber nur ein Teil eines komplexen und oft sehr individuellen Wegs zum Beruf Bildredakteur*in.

Die emerge Akademie für visuellen Journalismus bietet den Kurs “Grundlagen der Bildredaktion” mehrmals im Jahr an. Neben Kevin Mertens sind wechselnde Gastdozent*innen eingeladen. Die fünf Tage kosten 490,- Euro. Daneben werden der Dreitagesworkshop “Visual Story Production” (350,- Euro) sowie Einzelcoachings und Inhouse-Trainings angeboten. Die Akademie ist ein Non-Profit-Unternehmen und nutzt die Einnahmen zur Finanzierung des Online-Magazins.

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