Der Visual Desk im Newsroom der Deutschen Presse-Agentur GmbH 2019

Christina Czybik im Gespräch
„Wenn alle Bilder gleich aussehen, ist das sehr bedauerlich für die Medien“

Wenn es um die Themen Fotojournalismus und Bildredaktion geht, hat die Hamburger Fotografin Christina Czybik gleich mehrere Hüte auf. Während sie zu Beginn ihrer Karriere ein Volontariat bei einer Bildagentur absolvierte, ist sie heute als Freie Fotojournalistin auf dem Bildermarkt aktiv und setzt sich als Vertreterin im Fachausschuss Bildjournalismus des DJV für die Belange der Profession ein. Felix Koltermann sprach mit ihr über Symbolbilder und die Gratismentalität im Journalismus sowie die Herausforderung, Fotografie bezogene Themen in ihrem Verband und der Öffentlichkeit zu vertreten.

FK: Heute ist es weit verbreitet, dass journalistische Medien Gratisbilder nutzen. Was ist das Problem daran?

CC: Das ist sehr vielschichtig. Zum einen hat das natürlich eine Signalwirkung und sendet die Botschaft, dass der professionelle Bildjournalismus nicht wertgeschätzt wird und die Menschen nicht anständig bezahlt werden müssen. Zum anderen ist das Problem, das Bilder von Fotograf*innen vorproduziert werden, um eine gewisse Bandbreite an symbolischen Themen bebildern zu können. Da fehlt dann häufig der Bezug zum aktuellen Kontext und vom Text zum Bild. Heute geht es oft eher darum, dass das Auge der Leser*innen am Bild hängen bleibt und weniger, ob das Bild zum journalistischen Text passt. Leider vermerken sehr wenig Medien am Bild, dass es sich um ein Symbolbild handelt. Auch die Bildsprache oft gleich, was auf Kosten der Vielfalt geht. Genau diese Vielfalt aber zeichnet den Journalismus aus. Wenn alle Bilder gleich aussehen, weil sie vom gleichen Lieferanten kommen, wo sie nichts oder nur Cent-Beträge kosten, ist das sehr bedauerlich für die Medien.

FK: Würden sie der Verwendung von Symbolbildern grundsätzlich widersprechen?

CC: Ich glaube schon, dass dies passen kann. Aber unter dem Vorbehalt, dass der Kontext stimmt und man sich darüber bewusst ist, was ein Symbolbild in Verbindung mit dem Text für eine Botschaft erzeugt. Ich nenne mal mein Lieblingsnegativbeispiel. Vor ein paar Jahren gab es einen Artikel in einem großen Onlinemedium über Schwangerschaft in Afrika. Als Aufmacher wurde ein Stockfoto einer Frau mit weißer Haut gewählt. Das passte einfach nicht zusammen. Da hat man dann einen journalistischen Text, der mit einem völlig verkehrt und willkürlich ausgesuchten Foto bebildert wird. Da geht dann für die Leser*innen die Glaubwürdigkeit des Journalismus verloren. 

FK: Im digitalen Journalismus ist es heute Standard, dass Textredakteur*innen Bilder auswählen. Welche Kompetenzen brauchen Redakteur*innen, die mit Bildern arbeiten?

CC: In erster Linie braucht es natürlich Hilfestellung wie einen Leitfaden, wo ich überhaupt Bilder finden kann. Das sollte aber über die Info hinausgehen, dass es drei große Agenturen gibt. Gut wäre, wenn sich Redaktionen eigene Netzwerke mit Fotograf*innen aufbauen, die sie direkt fragen können, ob sie Bilder zu einem bestimmten Thema liefern können. Kompliziert ist es, wenn man das als Redakteur*in nicht regelmäßig macht. Erschwerend kommt hinzu, dass es oft schnell gehen und billig sein muss. Und wenn dann schon die Redaktion selbst den Fokus nicht auf eine gute Bildsprache legt, dann überträgt sich diese Haltung, dass die Pressefotografie keinen großen Stellenwert hat und das Bild Mittel zum Zweck ist, damit der Leser auf einen Artikel schaut, auch auf die Redakteur*innen.

FK: Sie sind beim DJV Vertreterin im Fachausschuss Bild. Was ist die Aufgabe des Ausschusses?

CC: Wir sind im Ausschuss die Ansprechpartner*innen der Landesverbände, die wiederum Ansprechpartner*innen für die Mitglieder sind. Das geht von Fragen zur DSGVO über die wirklich große Problematik der Blaulichtfotografie bis zu unserer Aktion „Fotografen haben Namen“. Da machen wir darauf aufmerksam, dass in vielen Redaktionen häufig die Namen der Fotograf*innen bei den Bildern nicht mit genannt werden. Bei der Blaulichtfotografie geht es um die Problematik, dass Behörden wie Feuerwehr oder Polizei eigene Plattformen mit Bildmaterial betreiben bzw. nutzen und den Redaktionen das Material als journalistisch aufbereitete Beiträge zur Verfügung stellen.

Momentan arbeiten wir an Projekten zum Thema „Schätzen Sie uns Bildjournalismus“. In vielen Redaktionen ist auch langjährigen Mitarbeiter*innen nicht bewusst, was ein Foto eigentlich kostet und was ein*e Fotograf*in damit verdient. Dieses Konzept der Pressebildagentur und freie*r Fotograf*in ist für viele ein großes Mysterium. Das Versuchen wir unseren Mitgliedern und natürlich darüber hinaus anderen Journalist*innen nahe zu bringen.  Ein gutes Beispiel sind die Sportfotograf*innen, die mit Ausrüstungen im Wert von 20 oder 30.000 Euro arbeiten und Bilder mit großem Aufwand produzieren, die dann hinterher für einstellige Eurobeträge in den Zeitungen gedruckt werden, wovon sie dann häufig nur einen Prozentsatz bekommen, wenn sie über eine Agentur vertrieben werden.

FK: Der DJV ist ein Journalismusverband. Was sind die Herausforderungen, wenn es darum geht, bildbezogene Themen im Verband auf die Agenda zu setzen?

CC: Ich persönlich habe festgestellt, dass wir laut sein müssen. Wir haben gezeigt, dass es funktioniert, dass wir gehört werden können, weil wir eine kleine Gruppe sind, die gut organisiert ist. Auf unseren Bundesverbandstagen haben wir in den letzten Jahren immer Foto-Aktionen gemacht. Wir waren die einzige Gruppe, die solche Art von Aktionen gemacht hat. Das ist immer sehr gut angekommen, weil die Leute wirklich angefangen haben, sich für unsere Themen zu interessieren.

Ob Branchenintern und Verbandsintern, wir müssen immer schauen, dass wir darauf aufmerksam machen, dass Fotograf*innen Namen haben, dass Fotograf*innen ein Recht haben, anständig bezahlt zu werden und es für Bildjournalist*innen vernünftige Arbeitsbedingungen gibt. Wir kämpfen auch dafür, dass Verbandsintern keine Lizenzfreien Bilder verwendet werden, sondern die eigenen Mitglieder unterstützt werden und auf Vielfalt geachtet wird.

FK: Warum ist es denn überhaupt wichtig, dass mit dem Fotojournalismus ein Teilbereich der Fotografie unter Journalismus läuft?

CC: Auch da gibt es mehrere Ansätze. Wichtig ist zuerst einmal das professionelle Herangehen an ein Thema. Die Pressefotografie ist ja sehr breit gefächert mit verschiedenen Segmenten, wie Sport, Unterhaltung, Politik und Nachrichten, in denen Kolleg*innen arbeiten. Jedes Segment erfordert, dass man professionell an ein Thema herangeht, dass man überlegt, wie man es bebildert, wie man darüber berichtet und für wen man fotografiert. Es erfordert ein hohes Maß an Professionalität zu wissen, wie man mit bestimmten Events oder einem Nachrichtengeschehen umgeht. Der Bildjournalismus trägt eine hohe Verantwortung, wahrheitsgemäß das Geschehene wiederzugeben, so dass Leser*innen, Agenturen oder Redaktionen sich darauf verlassen können, dass an den Bildern nicht manipuliert wird und alles wahrheitsgemäß wiedergegeben wird. Das sind alles Dinge, die man von Fotoenthusiast*innen, die das nebenbei machen, nicht unbedingt verlangen kann. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber es ist wichtig, dass die Fotograf*innen verlässliche Quellen sind und dass die Vielfalt wiedergegeben werden kann.

FK: Verstärkt wird auch über Gendergerechtigkeit in der Fotografie gesprochen. Warum ist das denn für Sie überhaupt ein wichtiges Thema?

CC: Zum einen, weil ich selber eine Frau bin und zu diesem Thema etwas sagen kann, auch aus eigener Erfahrung. Egal ob das jetzt positiv oder negativ ist. Zum anderen geht es hier wieder darum, gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. Wir haben in Deutschland eine ganz tolle, unglaublich vielfältige Presselandschaft, die sich zum großen Teil auch mit guter Fotografie beschäftigt. Dahinter stehen tolle Fotoredaktionsteams die Themen gut aufbereiten und bebildern. Aber wenn man sich anschaut, wer die Fotos gemacht hat, ist es häufig enttäuschend, dass sie selten von einer Frau oder einer POC-Person fotografiert wurden. Der Gedanke ist immer der Gleiche: Wer erzählt eigentlich die Geschichte und aus welcher Sicht wird die Geschichte zu wem wird erzählt? Dass dann so stereotypische Klischeesachen bedient werden, die man aus unserer Auswertung der Titelseiten herauslesen kann, liegt in der Natur der Sache.

FK: Wäre eine Quote für den Anteil von Männern und Frauen an Aufträgen etwas, dass sie befürworten würden?

CC: Im kreativen Bereich würde ich persönlich nicht viel davon halten, weil jeder seine Qualitäten und seine Spezialgebiete mitbringt und nicht jeder mit jedem kann. Aber andererseits würde ich mich freuen, wenn es ein Umdenken gäbe und Zeitungsmacher*innen sich umschauen würden, wo man Fotografinnen finden kann. Oft kommt von Redakteur*innen die Frage, wo sie denn Bildjournalistinnen finden. Und vielleicht ist es tatsächlich ein Problem, dass Bildjournalistinnen nicht so sichtbar sind und sich nicht so häufig in den Redaktionen vorstellen. Aber das kann jeder durch ein bisschen Eigeninitiative aufheben. Wir sind ja alle Journalist*innen und können recherchieren. Es gibt tolle Plattformen, wo man Journalistinnen finden kann, nach Regionen unterteilt, ob das jetzt die DJV-eigene Seite ist oder die des Female Photoclubs. Daran sollte es also nicht scheitern. Dann passiert das hoffentlich auch irgendwann von ganz alleine ohne eine Art Quote.

FK: Vielen Dank für das Gespräch.

©Conni Bongarts

Die gebürtige Hamburgerin Christina Czybik arbeitet als freie Fotojournalistin von ihrer Heimatstadt aus. In ihren 20 Jahren Berufserfahrung hat sie zuvor als leitende Bildredakteurin großer Pressebildagenturen in Hamburg und Los Angeles gearbeitet sowie für das Internationale Filmfest München.

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