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Bildkritik 11 “Welt” vom 24.10.2020

Es gibt Rubriken und Themen, deren Bebilderung Fotoredakteur*innen zur Verzweiflung treiben. Darunter immer wieder auch das Themenfeld Migration. Wie dabei auch gesellschaftliche Klischees – vermutlich ungewollt – bestärkt werden können, zeigt Felix Koltermann anhand der Visualisierung eines Kommentars in der Tageszeitung “Welt” auf.

Screenshot Webseite Tageszeitung “Die Welt”

Am 24. Oktober 2020 veröffentlichte die Welt einen Gastkommentar von Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, unter dem Titel „Gerade in Corona-Zeiten brauchen wir Zuwanderung“. Der Autor macht sich darin für eine konsequente Umsetzung des Einwanderungsgesetzes stark, um die Fortschritte der letzten Jahre in der Migrationspolitik nicht zu verspielen. Als Aufmacherbild platzierte die Redaktion eine Fotografie, die zwei Frauen in einem Labor zeigt, eine von ihnen Schwarz. Als Bildquelle ist angegeben „Getty Images/Digital Vision/Hinterhaus Productions“. In der Bildunterzeile heißt es: „Gute Arbeitsbedingungen machen ein Land für ausländische Fachkräfte auch attraktiver, schreibt Gastautor Jörg Dräger“. Aber was, so fragt man sich, hat eine Schwarze Laborangestellte mit ausländischen Fachkräften zu tun?

Für die textliche Botschaft, die durch Überschrift, Bildunterschrift und Teaser kreiert wird, sind vor allem die Begriffe „Zuwanderung“, „ausländische“, „Fachkraft“ sowie „Migrationspolitik“ entscheidend. Für die bildliche Ebene ist einerseits die Laborsituation prägend, andererseits die Hautfarbe und das Geschlecht der beiden dargestellten Personen. Der Begriff „Fachkraft“ korrespondiert mit der Laborsituation und des dafür notwendigen qualifizierten Personals. Dagegen verweisen die Begriffe „Zuwanderung“, „ausländisch“ und „Migrationspolitik“ auf die Hautfarbe der Schwarzen Protagonistin des Bildes. Zuwanderung mit Hautfarbe bzw. Aussehen zu konnotieren ist ein klassisches Klischee in – vermeintlich – homogenen Gesellschaften wie in Deutschland. Im Umkehrschluss wird negiert, dass es auch Schwarze Menschen gibt, die nicht zugewandert sind bzw. Zuwanderer die weiß sind.

Da das Problematische der Botschaft vor allem eine Folge der Kontextualisierung ist, lohnt ein differenzierterer Blick auf das Bild. Denn das lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven lesen. Dazu gehört theoretisch eine inklusive, auf Vielfalt ausgerichtete Perspektive, zumindest wenn man davon absieht, dass die weiße Frau im Hintergrund auch als Vorgesetzte und damit aus einem Hierarchieverhältnis gelesen werden kann. Die von der Welt ausgesuchte Fotografie gehört zu einem von der Berliner Agentur „Hinterhaus Productions“ produzierten Konvolut an Stockfotografien, in dem Gesundheits- und Medizinthemen mit weiblichen Models verschiedener Hautfarben visualisiert werden. Stockfotografie bedeutet, dass Bilder zu bestimmten Themenbereichen auf Vorrat produziert werden, die in allen möglichen Kontexten eingesetzt werden dürfen.

Die übergeordnete Debatte, in die die hier kritisierte Visualisierung der Welt eingeordnet werden muss, ist das gesellschaftliche Verständnis dessen, wer die Menschen sind, die migrieren und wie diese aussehen. Dabei ist klar, dass ganz grundsätzlich eine Herausforderung darin besteht, ein solch abstraktes Thema zu visualisieren. Aber die Gleichsetzung von Migration, Zuwanderung und ausländisch mit Schwarz ist leider ein viel zu oft benutztes gesellschaftliches Klischee. Es negiert auf der einen Seite bestehende gesellschaftliche Vielfalt, auf der anderen Seite weist es Menschen nicht-weißer Hautfarbe klare Rollen zu. So verwundert es nicht, dass eine Studie des Sachverständigenrates für Integration und Migration 2018 feststellte, dass zwischen phänotypischer Differenz (Unterschiede in Hautfarbe, …) und Diskriminierungserfahrung ein Zusammenhang besteht. Umso wichtiger ist es, Zuschreibungen, wie sie durch diese Bebilderung vorgenommen wurden, zukünftig zu vermeiden.

Der Artikel erschien zuerst bei M Online am 15. Dezember 2019.

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