Der Visual Desk im Newsroom der Deutschen Presse-Agentur GmbH 2019

9/11 auf deutschen Zeitungs- und Magazincovern

Am 11. September 2021 jährt sich zum 20. Mal der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York. Dr. Felix Koltermann nimmt dies zum Anlass, auf die Medienberichterstattung im September 2001 zurückzuschauen und zu diskutieren, wie 14 deutsche Tages- und Wochenzeitungen sowie Nachrichtenmagazine, darunter die ZEIT, die FAZ, der Stern und der Spiegel, den Terroranschlag auf ihren Covern visualisierten.

Es war ein früher Nachmittag am 11. September 2001, als die ersten Nachrichten über einen massiven Terroranschlag in New York über die Nachrichtenticker deutscher Redaktionen liefen und jede Alltagsroutine über den Haufen schmiss. Um 08:46 Uhr US-amerikanischer Zeit hatte eine Gruppe von islamistischen Terroristen ein entführtes Passagierflugzeug in den Nordturm der Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers gesteuert. Eine knappe Viertelstunde später folgte ein zweiter ein Schlag in den Südturm. Kaum jemand zweifelte wohl zu diesem Zeitpunkt daran, dass die Ereignisse epochale Bedeutung haben würden. Schon im Nachmittag stellten viele Nachrichtenmedien auf Liveberichterstattung um, einige davon so schnell, dass der Einschlag des zweiten Flugzeugs zum Teil Live an den Fernsehbildschirmen weltweit verfolgt werden konnte.

Während also im Nachmittag und Abend des 11. Septembers auch in Deutschland die privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehsender versuchten, dem Thema durch Live- und Sondersendungen gerecht zu werden, wurde in den Zeitungsredaktionen fieberhaft daran gearbeitet, die Ausgabe für den kommenden Tag auf das Ereignis und dessen Folgen umzustrukturieren. Da der digitale Journalismus zu der Zeit noch in seinen Kinderschuhen steckte und der Redaktionsschluss schon im frühen Abend lag, fand sich das Ereignis vor allem in den Ausgaben des 12. September 2001 wieder. Dabei ist es sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass kaum eine Zeitung in Deutschland und auf der Welt dem Ereignis nicht die Titelseite widmete. Für diesen Text wurden die Cover der überregionalen Zeitungen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frankfurter Rundschau und taz, der Regionalzeitungen Trierischer Volksfreund, Zollern-Alb Kurier und Oberbayrisches Volksfreund, der Wochenzeitungen ZEIT und Jungle World, der Boulevardzeitung BILD und der Magazine Stern, Spiegel, Focus, Max und Bunte untersucht.

Durchgehend wurde in den vorliegenden Ausgaben der Zeitungen der Teil oberhalb der Falz oder gleich die ganze Seite mit einer Fotografie aus New York versehen. Die überregionalen Zeitungen Frankfurter Rundschau und taz entschieden sich dabei ebenso für die Skyline mit den brennenden Türmen wie auch die Regionalzeitung Zollern-Alb Kurier, wenn auch aus leicht unterschiedlichen Perspektiven. Während sich das Oberbayrische Volksblatt für ein Bild der brennenden Türme entschied, wählte der Trierische Volksfreund zwei Bilder des Südturms, kurz vor und kurz nach dem Einschlag des Flugzeugs. Hervorzuheben ist auch die Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die für ihre Ausgabe vom 12. September ausnahmsweise ihre damalige Bildabstinenz auf der Titelseite aufgab und unter dem Titel „Angriff auf Amerika“ einen die Seite füllenden Bildstreifen aus zwei Motiven platzierte: links die Silhouette Manhattans mit den brennenden Türmen, rechts Präsident Bush bei einer Pressekonferenz. Einige der publizierten Bilder, wie etwa das von der Frankfurter Rundschau und dem Trierischen Volksfreund gewählte sind von Nachrichtenagenturen vertriebene Fotografieren der Fernsehbilder. Hier zeigt sich exemplarisch die Vermischung der Medien Fernsehen und Zeitung.

Im Gegensatz zu den Titelseiten der Tageszeitungen sticht auf den untersuchten Magazincover vor allem die grelle Farbigkeit heraus, was u. a. auch am benutzten Hochglanzpapier liegt. Focus, Bunte und ein Stern Extra vom 13.9. setzten den Feuerball des in den Turm einschlagenden Flugzeugs prominent ins Bild während die Zeitschrift Max versuchte, dem Ereignis mit einer Collage visuell Herr zu werden, wobei auch hier der aus dem Turm schlagende Feuerball im Zentrum stand. Rein visuell etwas zurückhaltender – wenngleich inhaltlich umso prägnanter – war die Entscheidung des Spiegel für das Cover ein Motiv zu wählen, auf dem das zweite Flugzeug Sekunden vor dem Einschlag in den Südturm zu sehen ist. Der Stern hingegen wählte ein völlig anderes Motiv und hob die Feuerwehrmänner von Ground Zero auf das Cover.

Aus ikonografischer Perspektive fällt auf, dass für die hier diskutierten Zeitungs- und Magazincover aus Deutschland vor allem auf das Motiv des Einschlages so wie die Wolke zurückgriffen wurde. Vor allem die Jungle World entschied sich hier für den Weg der komplette Abstraktion durch die Wahl einer schwarzen Wolke. Andere ikonische Motive, die oft im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von New York genannt werden, wie etwa das unter dem Namen „The Falling Man“ bekannt gewordene Bild eines Mannes der sich senkrecht aus dem Tower stürzte, fand kein Widerhall auf den Titelseiten. Bildethisch gesprochen, lässt sich dahinter eine Zurückhaltung gegenüber der Darstellung von Opfern vermuten sowie der Versuch sehen, die Massivität des Ereignisses und die Folgen für die Stadt New York über die Abstraktion der vom Flugzeug getroffenen Türme und das Motiv der Rauchwolke zu visualisieren.

Bei einem vergleichenden Blick auf die Einordnung des Ereignisses auf deutschen Zeitungs- und Magazincover soll auch ein Blick auf dessen sprachliche Rahmung nicht fehlen. Die in den Überschriften am meisten verwendeten Begriffe sind Krieg, Terror, Angriff sowie Anschlag. Interessant sind vor allem die Unterschiede im Detail. Während die taz am 12. September zurückhaltend „Angriff auf die USA“ titelte, beschrieb das oberbayerische Volksblatt das Ereignis als „Terror-Inferno“. Die Wochenzeitung ZEIT hingegen sprach einige Tage später vom „Krieg gegen die USA“, während die linke Jungle World schon auf die Effekte abzielte und „Krieg gegen Terror“ auf das Cover setzte. In boulevardhafter Manier richtete die Bild Zeitung den Blick auf den Umgang mit dem Ereignis und titelt – sich ins religiöse flüchtend – „Großer Gott, steh uns bei.“.

Die Massivität des Ereignisses, seine Folgen für die amerikanische und internationale Politik sowie die mediale Berichterstattung darüber führten schon kurz nach den Anschlägen zu breiten feuilletonistischen Debatten über das Verhältnis von Terror und Medien. Insbesondere die These, dass die Anschläge Teil eines Bilderkrieges gewesen seien und die mediale Wirkung bewusst von den Terroristen mit einkalkuliert wurde, fand eine große Verbreitung. Darüber hinaus wurde der Fakt, dass die mediale Berichterstattung und das Fortschreiten des Terrorangriffs aufgrund der Liveberichterstattung quasi synchron verliefen, als Zäsur beschrieben. 20 Jahre später im Zeitalter sozialer Netzwerke und digitaler Kommunikation ist dies zum Alltag geworden. Die Frage mit welchen Bildern – und ob überhaupt mit Fotografie – adäquat auf ein solches Ereignis reagiert werden kann, ist bis heute hochaktuell.

Die Analysen der einzelnen Cover finden sich auf dem Instagram-Kanal @bildredaktionsforschung des Forschungsprojekts.

Literaturempfehlungen zum Thema:

  • Chéroux, Clément (2011): Diplopie – Bildpolitik des 11. September. Konstanz, Konstanz University Press.
  • Paul, Gerhard (2004): Bilder des Krieges – Krieg der Bilder: Die Visualisierung des modernen Krieges. Paderborn, Schöningh.
  • Poppe, Sandra/Schüller, Thorsten; Seiler, Sascha (Hrsg.) (2009): 9/11 als kulturelle Zäsur  – Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen, Literatur und visuellen Medien, Göttingen:transcript.
  • Stubblefield, Thomas (2015): 9/11 and the Visual Culture of Disaster. Indiana University Press.
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