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Bildkritik 0 “Der Freitag” Seite 4, 21. Mai 2015

Am 21. Mai 2015 veröffentlichte die deutsche Wochenzeitung ‘Der Freitag’ in der Rubrik Politik auf Seite 4 einen Artikel der Autoren Christan Füller und Jean-Paul Koopmann mit dem Titel “Arm, abgehängt, apolitisch”. Der Untertitel lautete “Demokratie. Nicht nur in Bremen bleiben die Benachteiligten am Wahltag oft zu Hause. Doch dagegen gibt es Rezepte”. Der reportageartig geschriebene Text dreht sich um die Wahl für die Bremer Bürgerschaft, die Wahlbeteiligung und den sozialen Brennpunktstadtteil Tenever. 

Der Freitag, Seite 4, 21. Mai 2015, Bild: Jörg Müller/Agentur Focus

Liest man den Text, so bekommt man den Eindruck, dass die beiden Autoren vor Ort in Bremen und dem Stadtteil Tenever recherchiert haben. Verschiedentlich gibt es O-Töne von Menschen vor Ort. Der Freitag visualisierte den Artikel mit einem Bild von zwei Mädchen die auf einer Schaukel stehen. Die beiden sind leicht von unten fotografiert, so dass im Hintergrund neben dem wolkenlosen Himmel ein Wohnungshochhaus zu sehen ist, wie es exemplarisch für sozialen Wohnungsbau steht. Die dazu platzierte Bildunterschrift lautet „Die Lebenswirklichkeit an sozialen Brennpunkten wie Tenever ist den Parteistrategen fremd“. Als Quelle ist “Jörg Müller/Agentur Focus” angegeben.

Recherchiert man das Bild in der Datenbank der Agentur Focus, so kommt zum einen zu Tage, dass es mehr als drei Jahre früher am 7. September 2011 fotografiert wurde. Eine Caption gibt es zu diesem Bild nicht. Nur eine Headline ist mit “Bremen Osterholz-Tenever” angegeben. Inhaltlich kann man sich dem Bild also nur über die Schlagworte nähern, die folgendermaßen lauten “Europa, Deutschland, Bremen, teil Osterholz-Tenever, schaukelnde Kinder” sowie das Gleiche noch einmal auf Englisch. Des Weiteren erfährt man, dass es für das Bild kein Model Release gibt. Es gibt ein weiteres Bild aus Osterholz-Tenever, das die Schaukel mit anderen Kindern aus einer weitwinkligen Perspektive zeigt. 

Screenshot der Bilddatenbank der Agentur Focus

Die Bildverwendung weist darauf hin, dass es anders als bei den Autoren vermutlich kein Geld dafür gab, auch einen Fotografen mitzuschicken. Die gewählte symbolische Bebilderung verleitet dazu, Text und Bild als Einheit zu lesen. Einen Hinweis darauf, dass es sich bei dem Bild um eine Archivaufnahme handelt, gibt es nicht. Problematisch ist jedoch vor allem der inhaltliche Bezug. Die beiden Mädchen auf der Schaukel sind Platzhalter für das Thema soziale Benachteiligung. Dabei lässt sich weder aus der Bildverwendung des Freitag noch aus dem Originalbild bei der Agentur ableiten, ob die Dargestellten tatsächlich zur Gruppe der sozial Benachteiligten gehören. Darüber ist anzuzweifeln, ob hier eigentlich noch ein redaktioneller Verwendungszusammenhang vorliegt und damit der Abdruck des Bildes ohne Model Release rechtmäßig ist. 

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